

Das Gruseln · Die Brüder und ihr Schicksal
s waren einmal zwei Brüder, von denen war der eine, der älteste, nicht auf den Kopf gefallen, vielmehr anstellig und pfiffig über alle Maßen; der jüngere aber hatte, wie man so sagt, ein Brett vor dem Kopf. Das machte dem Vater große Sorge, ihm aber keine, denn er lebte ganz sorglos und arglos in die Welt hinein, wie die Dummen leben, und er mochte wohl, ohne daß er’s wußte, das Sprüchlein im Kopfe haben: Hänschen lerne nicht zuviel, du mußt sonst zuviel tun.
Wenn der Vater etwas verrichtet haben wollte, so mußt’ er’s allemal dem ältern, dem Matthes sagen, denn der andre, das Hänschen, richtete alles verkehrt aus, zerbrach den Ölkrug und die Branntweinflasche oder blieb eine Ewigkeit aus. Matthes dagegen machte alles gut, nur einen Fehler hatte er, er war furchtsamer Natur, es gruselte ihn gar zu sehr. Wenn er abends am Kirchhof vorbeiging, so gruselte ihn, und wenn er ein Mäuslein huschen sah, gruselte ihn, und wenn er eine Gespenstergeschichte erzählen hörte, so bekam er vom eitel Gruseln eine Gänsehaut wie ein Reibeisen, und klagte: „Ach, ach, ach, es gruselt mich gar zu sehr.“
Sein Bruder aber, das dumme Hänschen, lachte ihn oft deshalb aus und sagte: „Hä, hä, wie kann es einen nur gruseln? Die Kunst möcht’ ich können, mich gruselt’s all mein Lebtage nicht — möchte wahrlich das Gruseln lernen!“
„Du siehst aus wie einer, der was lernen möcht’!“ schalt der Vater auf Hänschen. „Zeit wär’s freilich, du wirst ein großer, starker Lümmel — aber mit dem Gruseln lernen, du Hans Dampf, da ist’s nichts, das ist keine Kunst, damit verdienst du kein Körnlein Salz zum lieben Brote. Und weißt du denn auch, wie man das Gruseln lernt? Was gilt die Wette, daß du auch dazu zu dumm bist?“
Während der Vater und der Bruder noch das dumme Hänschen auslachten, kam der Nachbar Küster und Schulmeister herüber zum Besuch, und hörte noch, wie das Hänschen verlacht wurde, und bekam erzählt, daß der Bube gern das Gruseln lernen wollte. „Das kann er bei mir prächtig lernen!“ sprach der Küster. „Mein Schulhaus ist das allerelendeste Nest von einem Hause im ganzen Orte, mich gruselt’s den ganzen Tag, daß mir’s über dem Kopf zusammenfällt und einmal die hoffnungsvollen Rangen miteinander erschlägt.
Gebt mir das Hänschen herüber, ich muß ja so manchem Dummbart Wissenschaften beibringen, werd’ ihm doch wohl auch das Gruseln anlehren können!“ Der Vater war den Vorschlag zufrieden, und das Hänschen folgte dem Küster hinüber in das alte wackelige Schulhaus. Ihn gruselte das aber mitnichten, es war ihm gerade so einerlei, daß dem Haus der Einsturz drohte, wie es dem Schulzen und der ehrsamen Gemeinde einerlei war.
Nun sann der Küster auf ein andres Stücklein, das dem Hänschen auf alle Fälle das Gruseln beibringen sollte. Er hieß ihn die Abendglocke läuten, schlüpfte aber noch vor ihm heimlich hinauf in die Glockenstube, und als Hänschen zur Treppe hinauf war und den Strang zur Abendglocke faßte, hörte er von der Treppe her einen dumpfen stöhnenden Laut. Wie er sich umsah, stand dort eine große weiße Schleiergestalt starr und unbeweglich. „Wer bist du? Was willst du?“ fragte Hänschen, ohne daß ihn nur im mindesten gegruselt hätte. Keine Antwort. „Ich frage dich, wer du bist?“ rief Hänschen mit stärkerer Stimme. Keine Antwort.
„Hast du kein Maul, Schneemann? Noch einmal: Was willst du?“ Keine Antwort. — Mein Hänschen, nicht faul, springt mit einem Satz auf die Gestalt los, wie der Kasper im Puppenspiel auf den Teufel und rennt sie, die sich solcher Herzhaftigkeit nicht versah, pardauz, über den Haufen, daß sie ein ganz Stück die Stiegen hinunterkollert, und was für Stiegen! Stiegen von so einziger Art, wie sie nur auf alten Dorfkirchtürmen anzutreffen sind, ausgetreten, verrottet, eng, voll jahrhundertalten Staubes.
Drunten lag das Gespenst und ächzte und krächzte, Hänschen aber läutete zum Abendgebet, und schwang gar wacker den Glockenstrang, als wäre eben nichts vorgefallen; dann kletterte er wohlgemut die Stiege hinab und ging aus dem Turme, dessen Türe er hinter sich zuschloß. Die Küsterin wußte gar nicht, wo ihr Mann blieb. „Wo ist denn Er?“ fragte sie Hänschen. „Wer?“ fragte Hänschen. „Er!“ sagte die Küsterin. „Er ist ja vor dir hinüber auf den Turm.“ — „So!“ sagte Hänschen: „ist er das gewesen?